Côte d'Ivoire
Elfenbeinküste
Ivory Coast  

Baule

Baule, mit etwa 2 Millionen Menschen nach den Senufo die bedeutendste Volksgruppe der Elfenbeinküste, in deren Zentrum sie lebt. Die Vorfahren der heutigen Baule siedelten als Akan mit großer Wahrscheinlichkeit seit mehr als 3000 Jahren im nachbarlichen Ghana. Erst um 1720 wanderte eine Akan-Gruppe (vor allem Abron) unter der Führung ihrer sagenumwobenen Aura Poku (auch Awura/Abla Poku = Dame) und unter der Bezeichnung Asabou nach Westen an den Bandama, vermischte sich dort mit den autochthonen Guro und Senufo und gründete auf dem gegenwärtigen Gebiet ein neues Reich. Die Guro stellen mit den Ngere (We) die letzten Repräsentanten der Mande-fu im Südosten dar und bilden durch ihre Mischung mit den Baule ein künstlerisches Bindeglied zu den Akan-Völkern im Osten. Diese künstlerische Verbindung der Guro zu den Baule, der ja letztlich eine ethnische zugrunde liegt, zeigt sich nicht nur bei Skulpturen, Masken und anderem Kultgerät, sondern offenbart sich auch im profanen Bereich der Weberei, ihrer Technik, ihrem Zubehör und schließlich auch in den Produkten dieses Handwerks, d.h. in der Mode. Dabei dürften die Baule nicht erst von den Guro das Weben gelernt haben, wie gelegentlich behauptet (Deluz/Godelier, 1967). Anders als in der Schnitzkunst, bei der die Baule erst durch die Einflüsse der sie in der neuen Heimat umgebenden Ethnien, vor allem Guro, aber auch Senufo, zu ihrer Berühmtheit in diesem Metier gelangt sind, dürfte hier der Fall eher umgekehrt liegen: Sowohl eine vollendete Technik in Metall zu gießen als auch eine ausgereifte Weberei konnten die Akan in die Elfenbeinküste mitbringen und verbreiten.
Als die wichtigsten Erzeugnisse der Baule Kunst gelten Skulpturen und Masken. Die menschlichen Skulpturen können dabei zwei Bestimmungsgründe haben: Entweder stellen sie die Ehemänner (Blolo Bian) oder Ehefrauen (Blolo Bla) dar, die jeder Mensch in der »anderen Welt« hatte, bevor er auf diese kam, oder aber einen Buschgeist (Asie Usu), von dem eine Person so lange besessen sein kann oder deren Leben bedroht, bis ein Hausaltar für ihn errichtet ist. Die früheren Ehegatten oder die Buschgeister bestimmen beim Wahrsager, Schnitzer oder auch dessen Kunden, welcher Art die Figur sein soll, evtl. aus welchem Holz etc. Obwohl die blolo-Figuren häufiger als die asie Usu angefertigt werden, lässt sich nicht mehr bestimmen, welche der beiden Aufgaben eine Figur wahrzunehmen hatte, wenn sie einmal den Ort ihres Wirkens verlassen hat. Meist handelt es sich jedoch bei den stark beopferten Figuren (verkrustete Patina) um solche der Buschgeister, die es stets zu besänftigen gilt. Gelegentlich können Menschen oft von mehreren dieser Geister besessen sein, die sich ihrer dann als Medium (Komien) bedienen. Bei den Wahrsagezeremonien stellen die Komien die Figuren der Geister aus, die durch ihr gefälliges Aussehen die Asie Usu in gute Stimmung bringen sollen, und damit dem Wahrsager erlauben, die Zukunft vorherzusagen oder Unglücksursachen zu erforschen. Neben diesen Figuren gab es offenbar früher auch dem Ahnenkult verpflichtete Skulpturen - möglicherweise aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen umgewandelt aus den Geisterfiguren.
Aboya und Dwa sind Bezeichnungen für Götter des Ngbla-Kultes, ähnlich dem Komien (nur stärker), die in die Literatur als Gbekre eingegangen sind, halb Tier halb Mensch, meist auch als Affen dargestellt und die einer bündischen Organisation, einer Dorfgemeinschaft (Aboya) oder nur einer Familie (Dwa) dienen. Sie sollen furchterregend und hässlich sein, halten stets eine Schale vor der Brust, tragen einen Hüftschurz und werden ständig mit Blut und Eiern beopfert, so dass sie meist mit einer dicken, schwärzlichen Kruste bedeckt sind. Da sie an verschiedenen Orten verschiedene Bezeichnungen und auch ganz unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben - als Familienschutz, bei der Wahrsagerei usw. sind entsprechende Definitionen für eine bestimmte Figur außerhalb ihres kulturellen Umfeldes nicht möglich.
Die als colon bezeichneten menschlichen Figuren, stets bekleidet, manchmal beritten und meist bunt bemalt, können Baule darstellen, die vornehme ausländische Kleidung erworben haben, aber auch Europäer denn der Gatte der »anderen Welt« kann schließlich auch aus Europa kommen.
Auch die Interpretation der von den Baule verwendeten Masken lässt einigen Spielraum. In ihnen verbindet sich auf harmonische Weise die Ästhetik der Akan-Völker mit der der Guro, die zweifelsohne ihrerseits vom sudanesischen Maskenstil der Senufo nicht unbeeinflusst geblieben sind.
Neben den Dan-, Guro- und Yaure-Masken zählen die Masken der Baule zu den Gesuchtesten »klassischen« Masken Westafrikas. Dies gilt besonders für den Typ der mblo (ngblo)-Masken, die beim gba gba-Tanz verwendet werden, der als »Frauentanz« gilt, weil Frauen daran teilnehmen dürfen (und sollen), und weil die Tanzbewegungen als feminin gelten. Es ist ein Unterhaltungstanz, der an Ruhetagen oder bei Trauerfeierlichkeiten für Frauen oder Personen, die sich mit diesem Tanz assoziieren, stattfindet.
Im weiteren Verlauf der Veranstaltung treten weibliche Sklaven auf, die den Tanzplatz fegen, sowie verschiedene Tiermasken. Gegen Ende des Auftritts der mblo-Masken erscheinen dann Masken, die bekannte Personen - Ideale der Baule-Gesellschaft porträtieren; sie heissen n'doma.
Die zweite wichtige Tanzveranstaltung ist die des Büffelgottes Goli, die von der Familie der kple-kple-Masken begleitet wird. Der Kult des Goli stammt ursprünglich von den Wan, einer kleinen Mande-Gruppe im Nordwesten der Baule und ist auch bei den Guro, westlich von ihnen verbreitet. Dabei kennen die Wan drei auftretende Maskenpaare, die Baule vier: je ein Paar für die junge (kple-kple) und für die ältere männliche Maske (goli golin), sowie je ein Paar für die junge (kpan pre) und ältere weibliche Maske (kpan). Tatsächlich ist die abstrakte Form der männlichen Masken und ganz besonders die des jungen Mannes. kple-kple für den naturalistischen und eher ästhetisierst östlichen Akan Raum verbundene Baule sehr ungewöhnlich und zeigt deutlich den Einfluss des Mande-Stils.
Ebenso wie bei den Senufo sind auch bei den Baule vor allem die Türen der Häuptlingshäuser oder der Heiligtümer und die Trommeln mit reliefgeschnitzten Motiven verziert. Auch Stühle, Webrollenhalter. Steinschleudern, Mäuseorakel sind häufig figurativ gestaltet. Sie tragen Menschenköpfe oder den Kopf des hier meist naturalistisch konzipierten-Büffelgottes Goli ebenso wie die bei Wahrsagerei verwendeten rituellen Trommelschläge, die die Priesterin in Trance halten soll.

Anderer Name: BAOULE, BAWULE

Quelle: Lexikon Afrikanische Kunst und Kultur, Karl-Ferdinand Schaedler

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