Côte d'Ivoire
Elfenbeinküste
Ivory Coast  

 

Dan

Dan, große Volksgruppe im Westen der Elfenbeinküste und im Nordosten von Liberia mit insgesamt etwa 450 000 Menschen, wovon etwa 60% in der Elfenbeinküste leben.
Als ein Teil der den Westsudan beherrschenden Mande-Völker sind die Dan nach Süden gestoßen und haben die hier lebenden Atlantik-Völker teilweise verdrängt (wie etwa die Kru) oder sich im Laufe der Zeit in sie integriert. Diese Einwanderung der als Mande-fu bezeichneten Ableger der westsudanischen Mande (Mande-tan) hat wahrscheinlich bereits vor der Entstehung der großen Malinke und Soninke-Reiche stattgefunden, also vermutlich in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends. Sie bewirkte zwar deren kulturelle Stagnation - also die Stagnation der Mande-fu, ermöglichte aber gleichzeitig, zusammen mit den Atlantik und Kru-Völkern, die Herausbildung einer homogenen Kulturlandschaft, die sich besonders in der usprünglichen Verfassung, in der Wirtschaftsform, in den Formen des Geheimbundwesens, in der Mystik und den Religionsformen deutlich macht. Verwirrend ist die Zahl der Volksgruppen und Untergruppen, die zur kunstethnologischen Dan-Kran-Gruppe zählen und das grosse, teilweise sehr dünn besiedelte Gebiet der urwaldreichen westlichen Elfenbeinküste, Ostliberias, Südguineas und sogar Teile Sierra Leones (Kono) bewohnen. Noch verwirrender jedoch sind für den jungen Kunstliebhaber die Bezeichnungen der einzelnen Masken, deren gleiche Typen oft verschiedene Namen tragen, je nachdem an welchem Ort sie getragen werden oder welche Bestimmung sie haben. Einer der Gründe für diese Vielfalt ist nicht zuletzt der Umstand, daß viele Maskenschnitzer in verschiedenen, eigentlich stilunterschiedlichen Dörfern gearbeitet haben - ähnlich den früheren europäischen Handwerkern, die durch ihre Wanderschaft ebenfalls ortstypische Stilelemente »verschleppten«. Andererseits »sterben« auch bestimmte Masken, und wenn deren noch existierende Exemplare von Anfang an keinen Ursprungsnachweis hatten, ist eine nachträgliche Bestimmung oft nicht mehr möglich.
Doch sind dies Ausnahmefälle, und im allgemeinen lässt sich eine Maske mit ziemlicher Sicherheit einer bestimmten Gruppe - und damit einer bestimmten Gegend - und einem bestimmten Verwendungszweck zuordnen.
So gelten als »Dan«- Masken schlechthin alle einem etwas idealisierten menschlichen Gesicht nachgeformten Gesichtsmasken aus dünn geschnitztem Holz mit runden oder schmalen Augen und einer meist durch Schlammbad erzielten schwarzen Oberfläche. Die nördlichen Dan bevorzugten dabei einen meist ovalen Schnitt, runde Augen und leuchtend schwarze Patina, während die südlichen Dan-Masken überwiegend schmale Augen, ein spitzes Kinn und eine vertikale Stirnlinie (Stirnwulst) haben. Bei beiden Stilarten tragen die männlichen Masken Kinn- und Oberlippenbart und sind weniger lieblich. Am häufigsten sind von den nördlichen Dan-Masken (wegen des trockenen Savannengebietes treten sie nur dort auf) die sogenannten »Läufermasken« (»running juju«) oder »Feuermelder«-Masken, die der schnellste Läufer des Dorfes trägt, um zur Vorsicht zu mahnen und bei Feuerausbruch rechtzeitig Hilfe zu holen. Sie haben grosse, kreisrunde Augen, bei den Kpelle (Guerze) und Kono aber Hörner, oder sie tragen einen Vogelschnabel. Deshalb sind sie leicht mit jenem anderen Typ der nördlichen Dan-Masken zu verwechseln, der ebenfalls eine lange, vogelschnabelartige Nase trägt, an deren Unterseite Fellstreifen befestigt sind. Diese Masken werden als gägon, »Man« (nach dem gleichnamigen Ort in der westlichen Elfenbeinküste), aber auch Kpelle- oder Kono-Masken bezeichnet. Letztere dürfen wiederum nicht verwechselt werden mit den Masken des Kono-Bundes der Bambara.
Zu den Gruppen und Untergruppen, die zum Dan-Komplex gerechnet werden, die aber zum Teil abweichende Maskentypen fertigen, zählen die Yakuba, die oben bereits erwähnten Kpelle und die Shien (Tie). Im weiteren Sinne auch die Mau und Diomande. Die Kran - sie gehören nach Himmelheber wie die Dan-Gruppe den gleichen Bünden an - stellen den anderen großen Stilkomplex dar. Sie heißen allerdings nur im anglophonen Liberia so: Im Osten, in der Elfenbeinküste, nennen sie sich We, werden aber allgemein als Ngere (N'Gere, Gere) bezeichnet; dort spielen sie künstlerisch eine ebenso bedeutende Rolle, pflegen aber auch einen anderen Stil.
Im Westen unterscheiden sich die Kran-Masken von denjenigen der Dan durch wuchtige, kubische Formen. Sie haben meist stark vorspringende Stirn- oder Mundpartien, manchmal Tubusaugen oder Klappkiefer. Der Unterschied zeigt sich sowohl bei den üblichen Masken, die im Buschlager dienen, als auch bei den anderen Maskenkategorien, wie z.B. den kagle- (Dan-) bzw. gbagba(Kran-) Masken. Beide Völker gehören auch verschiedenen Sprachgruppen an: Die zur Dan-Gruppe gehörenden Ethnien sprechen das Mande-fu, die Kran dagegen Kru. Doch ist umgekehrt manchmal die künstlerische Eigenart der einen Gruppe näher der anderen als der eigenen sprachlichen. Denn zu den Mandefu sprechenden Ethnien gehören neben den Dan u.a. die Kono, Mano, Guro, Kpelle und Mende, aber auch die Ngere und Loma. Andererseits zählen zu den Krusrechenden auch die Bassa, De, Grebo und Kru. Die Kono sind mit den Mano im Norden und Westen Nachbarn der Dan, Kulturbringer für diese und fertigen fast identische Masken an: Die Augenpartie wird lediglich mit einem roten Tuch oder Stoff abgegrenzt. Die Guro, viel weiter im Osten, fast im Zentrum der Elfenbeinküste, zeigen dagegen künstlerisch eher eine Verwandtschaft zu den Baule. Die Kono wiederum tragen ähnliche Masken wie die Kpelle. Diese haben manchmal Tubusaugen und (durch ihre Hakennasen) ein eulenhaftes Aussehen. Nachbarn der bereits erwähnten Mende, Loma und Bassa sind die De, deren Masken vor allem wegen der meist parallel von der Stirne nach hinten verlaufenden Haarwülste mit denen der Bassa leicht zu verwechseln sind. Während aber deren Stil eher einen Dan-Charakter trägt, zeigen die Kru-Masken mehr Verwandtschaft mit den östlichen Kran, den Ngere. Als Besonderheit können die Miniaturmasken des Dan-Komplexes angesehen werden, die nur noch eine Entsprechung bei Volksgruppen in Zaire haben (u.a. Pende, Rega).
Sie heißen ma und sind gewöhnlich zwischen 6 und 10 cm hoch, werden aber auch größer geschnitzt und wiederholen die Typen der großen Gesichtsmasken. Sie haben Amulett- und Weissage-Funktion und stellen sowohl Nachahmungen der großen, schutzgewährenden Masken als auch selbständige magische Objekte dar. Von den Metallgüssen der Dan und Kran sind vor allem die Schmuckgegenstände bekannt, weniger verbreitet die kleinen Tier- und Menschenfiguren. Auch gibt es Miniaturmasken aus Gelbguss, sowie verschiedene andere Objekte nicht näher definierter Zweckbestimmung. Tatsächlich wurden auch einige wenige Holzmasken - ebenso wie selbstver-ständlich alle Miniaturmasken - nicht getragen, sondern nur an bestimmten Orten und bei bestimmten Gelegenheiten ausgestellt, beopfert oder mitgeführt. In diesen Ausnahmefällen weisen die jeweiligen Masken andere Gebrauchsspuren auf als die getragenen und haben oft auch keine Löcher zum Befestigen der übrigen Maskenteile (Raphia, Stoff etc.).
Obwohl die Mano, Kran, Grebo, Kpelle und Bassa ebenfalls figürliche Plastiken herstellen, können die Figuren der Dan als am bekanntesten gelten, wenn man sie auch - im Vergleich zur Fülle der von ihnen angefertigten Masken - als relativ selten ansehen kann. Sie stellen meist Frauen dar, gelten jedoch nicht als Ahnenfiguren, sondern als Porträtstatuen, die sich etwa ein wohlhabender Mann oder Häuptling bestellt, um sie - da er von ihr oft räumlich getrennt lebt - stets um sich zu haben. Daneben gibt es jedoch ebenfalls Figuren von Verstorbenen, die deshalb zwar notwendigerweise »Ahnenfiguren« sind, jedoch nicht im Sinne der bei den Bauernpopulationen Afrikas sonst üblichen Ahnenfiguren, die ja eine Vermittlerrolle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits zu spielen haben. Solche Figuren, die auch mit Kind geschnitzt wurden, führte man den Dorfbewohnern mit grosser Pracht vor, verbarg sie dann aber, um sie nur noch gelegentlichen Gästen von Rang zu zeigen.

Andere Namen: DAN-GIOH, GIO, GIOH, GYO, YACOUBA, YACUBA, YAKUBA

Quelle: Lexikon Afrikanische Kunst und Kultur, Karl-Ferdinand Schaedler

 

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